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Interview Energiewende
KPMG: „Erneuerbare werden zur preiswertesten Energiequelle“
Studienautor Carlos Solé erklärt, wie sich der Windkraftausbau auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken

Die Menge der Erneuerbaren Energie ist schier unendlich. Groß genug jedenfalls, um den Bedarf der Menschheit auf Jahrtausende zu decken. Ihre Verfügbarkeit hängt zunächst einmal von technischen Lösungen ab. Doch die liegen mittlerweile vor, und dank zahlloser Innovationen haben regenerative Energien mittlerweile ein erhebliches Marktpotenzial erreicht, sodass die Grenzen nun oftmals eher im Spannungsfeld von Wirtschaft und Gesellschaft liegen – insbesondere in dichtbesiedelten Regionen in Europa, Nordamerika und manchen Ländern Asiens.

Um mehr über die sozioökonomischen Effekte regenerativer Stromerzeugung zu erfahren, hat die Beratungsgesellschaft KPMG im Auftrag des deutsch-spanischen Windturbinen-Herstellers Siemens-Gamesa eine Studie angefertigt. Carlos Solé ist einer der Autoren. Im en:former spricht er über überraschende Erkenntnisse und verbreitete Irrtümer. Und er erklärt, warum auch die lokale Bevölkerung von Windparks profitieren kann.

en:former: Herr Solé, welcher Befund hat Sie am meisten überrascht?

Carlos Solé

Carlos Solé: Es ist hinlänglich bekannt, dass Erneuerbare Energieträger CO2-Emissionen reduzieren und die Energieversorgung verbessern kann. Immer öfter wird auch über positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft gesprochen. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Erneuerbare dank der erzielten Kostenreduktion die Wirtschaftsleistung steigern können. Was sicher überraschend war, ist der Befund, dass sie auch den Wasserverbrauch senken.

Das ist zweifellos nicht das Erste, das einem in den Sinn kommt: Ihrer Studie zufolge könnte ein Ausbau der Windkraft jährlich 1,6 Milliarden Kubikmeter Wasser sparen. Das entspricht einem Drittel des Wassers im Bodensee. Wie ist das zu erklären?

Vergessen Sie nicht, dass thermische Kraftwerke (also etwa Kern-, Kohlen- und Gaskraftwerke, die Strom mithilfe von Wasserdampfturbinen erzeugen, A.d.R.) Kühlwasser benötigen. Dafür wird Wasser aus nahegelegenen Flüssen oder Seen entnommen; und nur ein Teil davon kommt zurück, der andere Teil verdampft. Zudem ist das zurücklaufende Wasser wärmer, was ebenfalls Folgen hat.

Nun, Windkraftanlagen benötigen kein Wasser, weil sie keine Hitze erzeugen. Dieser Vorteil mag unbedeutend klingen, tatsächlich ist er ein Haupttreiber des Windkraftausbaus in Ländern wie China und Indien. Denn mit dem Klimawandel werden Trockenzeiten häufiger. In manchen Fällen mussten Kohlekraftwerke heruntergefahren werden, weil nicht genug Kühlwasser verfügbar war. Selbst Frankreich hatte in den letzten Jahren zweitweise Schwierigkeiten, seine Kernkraftwerke zu kühlen.

Dennoch hat Windkraft – nicht nur in Deutschland – ein Image-Problem: Kritiker wenden ein, Windräder würden Vögel töten und die Landschaft verschandeln, und ihr Lärm mache Menschen krank. Was sagen Sie diesen Menschen?

Ja, wir beobachten die sozialen Befindlichkeiten zum Beispiel in Norddeutschland. Das sind in der Tat wichtige Themen, aber die Nutzung jeder Energiequelle hat ihre Folgen. Die globale Erwärmung mit extremen Wetterereignissen wie Überflutungen und Dürren und überhaupt die Veränderung von Ökosystemen töten ebenfalls Vögel und verschandeln die Landschaft. Und die wissenschaftlichen Befunde deuten darauf hin, dass der Einfluss der Erneuerbaren auf globaler Ebene kleiner ist als der von konventionellen Stromquellen.

Aber klar, auf lokaler Ebene sind die Herausforderungen ungleich verteilt. Menschen, die nahe einem alten, umweltschädigenden Kraftwerk leben, werden sich freuen; Menschen, die nahe an einem neuen Windrad wohnen, wird es nicht so gut damit gehen. Am Ende ist das ein politisches Problem, und dort liegen die Schlüsselfragen der Energiewende.

Andererseits schreiben Sie, könne Windkraft auch lokal Mehrwert schaffen. Wie ist das gemeint?

Neue Windkraftanlagen zum Beispiel generieren Arbeitsplätze und Umsatz für lokale Unternehmen. Die meisten Jobs entstehen in der Bauphase, wenn Arbeitskräfte in die Region kommen und lokale Güter und Dienstleistungen nachfragen: Zement, LKW-Fahrer und so weiter. Diese Phase dauert etwa zwei Jahre. Dann geht der Windpark in Betrieb und muss gewartet werden. Und das kann an die 30 Jahre dauern. Dafür werden neue Fachkräfte benötigt, die dann oft erst in solch ländliche Gegenden kommen. Offshore-Windparks können auf diese Weise wirtschaftlich benachteiligte Küstengebiete revitalisieren, die einst vom Schiffbau oder der Fischerei lebten – wie etwa die Region Humberside an der Ostküste Nordenglands. Um die soziale Akzeptanz zu fördern, können Regierungen zudem Rahmenbedingungen festlegen, mit denen die betreffenden Gemeinden an den Gewinnen der Anlagenbetreiber beteiligt werden.

Es widerspricht der Wahrnehmung vieler Menschen, aber Sie haben errechnet, dass ambitioniertere Maßnahmen zur Energiewende das Wirtschaftswachstum stärken könnten. Genauer: Über die 30 Jahre bis 2050 könnte die globale Bruttowertschöpfung dann zehn Prozent höher ausfallen. Welche Faktoren wirken hier?

Die Wahrnehmung, dass die Reduktion von Treibhausgasemissionen der Wirtschaft schaden, geht wahrscheinlich auf Berichte zurück, die vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, als erneuerbare Energie noch teurer war als konventionelle. Dies ist aber bei einigen Technologien nicht mehr der Fall, insbesondere bei Windkraft- und Photovoltaikanlagen. Die Kosten dafür sind in den vergangenen zehn Jahren um etwa 80 Prozent gefallen. Heute sind sie die preiswerteste Energiequelle in mehr und mehr Ländern.

Aber auch dieser Effekt ist nicht gleichmäßig verteilt. Länder wie Deutschland, die fossile Energieträger importieren und Erneuerbaren-Anlagen exportieren, werden davon profitieren. Schaden können Länder nehmen, die fossile Brennstoffe exportieren oder auf den Import neuer Erzeugungsanlagen angewiesen sind. Das ist eine weitere politisch entscheidende Herausforderung der Energiewende. Aber global gesehen – darauf deuten die jüngsten Studien hin – dürften wir uns durch eine schnellere Energiewende besserstellen und die Wertschöpfung dürfte größer ausfallen.

Wie hängt das damit zusammen, dass dank erneuerbaren Energiequellen mehr Menschen Zugang zu Elektrizität erlangen werden?

Elektrizität ist grundlegend für Entwicklung und wirtschaftliche Aktivität. Menschen ohne Elektrizität, und das sind weltweit etwa 850 Millionen, können kein Geschäft eröffnen, keine Impfstoffe lagern, sie können nicht ins Internet, sie können nicht einmal nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten oder studieren. Der Zugang zu Elektrizität würde ihren wirtschaftlichen Status also verbessern.

Allerdings leben viele von ihnen in so abgelegenen Regionen, dass es teuer und ineffizient wäre, Stromleitungen bis zu ihnen zu bauen. Dort spielen Erneuerbare eine Schlüsselrolle. Sie sind kleiner und dezentraler, deshalb können sie kleine, lokale Stromnetze versorgen – sogenannte Inselnetze, die manchmal nur aus einigen Solarpanelen bestehen. Vor einigen Jahren waren solche Lösungen ohne Subventionen kaum bezahlbar. Heute werden sie für immer mehr Menschen erschwinglich.

Carlos Solé ist seit 2010 für KPMG in Spanien tätig und ist seither für die Schaffung und Entwicklung der Abteilung Economics & Regulation von KPMG in Spanien verantwortlich.

Bildnachweise: © Siemens Gamesa / KPMG

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