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Energiewende in Griechenland startet mit viel Wind in den Segeln
Die Regierung will künftig auf Wind, Sonne und Wasserstoff setzen und zieht auf dem Weg dahin das Tempo an

Die Sonne scheint an über 300 Tagen im Jahr, dazu bläst auf den 3054 Inseln und entlang der mehr als 13.000 Kilometer langen Küste erfrischend der Wind: Sehr gute Bedingungen also für die Stromerzeugung aus regenerativen Quellen. Die Regierung des Mittelmeerstaates möchte dieses enorme Potential nutzen und die Energiewende noch in den 2020er-Jahren ordentlich vorantreiben. Mit einem ehrgeizigen Klimagesetz will das Parlament dazu den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen beschleunigen. In der Industrie soll Wasserstoff schon bald im großen Stil fossile Brennstoffe ersetzen. Ein Vorhaben, das die Europäischen Union mit Fördergeldern in Milliardenhöhe, unter anderem aus Corona-Wiederaufbauhilfen, unterstützen möchte.

Wirtschaftlicher Aufschwung und frühzeitiger Kohleausstieg

Das Energiesystem steckt inmitten eines grundlegenden Wandels, denn bisher war das Land stark von fossilen Energiequellen abhängig: 2010 hatten sie einen Anteil von mehr als 80 Prozent an der inländischen Stromproduktion, über die Hälfte des Stroms kam aus Kohlekraftwerken, wie aus Daten der Plattform „Our World in Data“ hervorgeht. Der Ausbau der Erneuerbaren verlief zunächst schleppend – auch, weil damals die Wirtschaftskrise den südeuropäischen Staat lange beschäftigen sollte. Die Schuldenlast und die damit verbundenen Sparmaßnahmen ließen nur wenig Spielraum für Investitionen.

Als sich die wirtschaftliche Lage in den vergangenen Jahren wieder entspannte, legte die Regierung den Fokus jedoch auf die Energiewende, indem sie die Hilfsgelder nutzte, um einen umfassenden Strukturwandel anzustoßen. Dazu gehört auch der Ausstieg aus der Kohleverstromung. Seit 2014 ist der Anteil an der Stromerzeugung so konstant gesunken und lag 2020 nur noch bei 15 Prozent – ein Rückgang um mehr als zwei Drittel. Die dadurch entstandene Lücke wird vor allem durch Erdgas gefüllt. Seit 2014 ist der Anteil am Strommix von 13 auf knapp 37 Prozent gestiegen. Doch auch regenerative Quellen gewinnen an Bedeutung: Wind und Solar zusammen sind im selben Zeitraum von 15 auf 27 Prozent geklettert.

Stromerzeugung 2020 in Prozent

Quelle: Our World in Data

Seit Jahren konstant ist dagegen der Ölanteil an der Energie- und Stromversorgung. Das hat strukturelle Gründe: Griechenland war gerade bei fossilen Rohstoffen stets stark von Importen abhängig, da die Vorkommen im Inland begrenzt sind. Laut IEA-Daten wurde 2010 nur 34 Prozent des Primärenergieverbrauchs, also des Energieverbrauchs aller Sektoren inklusive Stromversorgung, in dem Mittelmeerstaat generiert. 96 Prozent der importierten Energie entfiel auf Kohle, Gas und Öl, vor allem aus Russland, dem Iran und Saudi-Arabien. Inzwischen bezieht das Land zwar deutlich weniger Kohle aus dem Ausland, die Ölmenge ist aber nahezu unverändert geblieben. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren soll auch diese Abhängigkeit abnehmen.

Weniger Kohle, das ist auch für die küstenfernen Regionen das erklärte Ziel: Ursprünglich sollte das letzte Kraftwerk 2028 vom Netz gehen. Im Rahmen des Post-Covid-19-Aufbauprogramms „Greece 2.0“ gab Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis Ende April 2021 jedoch ein neues Ziel bekannt. Nun soll bereits 2025 endgültig Schluss sein mit der Kohle, ein Großteil der Kraftwerke wird schon bis 2023 abgeschaltet.

Massiver Ausbau der Windkraft- und Solarkapazitäten

Um die Ziele des nationalen Energie- und Klimaplans (NECP) zu erreichen, muss jedoch mehr passieren: Ziel ist, die Treibhausgasemissionen des gesamten Energiesektors  bis 2050 auf null zu senken. Die Erneuerbaren müssen dazu schnell massiv wachsen. Erst Anfang 2021 hat das Parlament deshalb das Klimaschutzgesetz noch einmal nachgeschärft. 2030 sollen nun 67 Prozent – statt, wie bisher geplant, 61 Prozent – des verbrauchten Stroms aus regenerativen Quellen stammen. Zuletzt lag der Wert knapp unter der 30-Prozent-Marke und damit etwas niedriger als beim inländisch erzeugten Strom – Grund für die Diskrepanz sind Energieimporte. Was die Zielsetzung konkret bedeutet, rechnete die Generalsekretärin für Energie und mineralische Rohstoffe, Alexandra Sdoukou, im Januar in einer Rede auf einer Energiekonferenz im vor: „Heute sind etwa 10,5 Gigawatt (GW) Erneuerbarer Energie in Betrieb. Um die NECP-Ziele zu erreichen, benötigen wir bis 2030 19 GW. Wir müssen in den nächsten zehn Jahren 8,5 GW hinzufügen, durchschnittlich 850 Megawatt (MW) pro Jahr.“

Ein Großteil dieser neu zu installierenden Kapazität soll auf Windkraft- und Photovoltaikanlagen entfallen. Die Regierung will die guten Bedingungen nutzen und schnell zahlreiche neue Windparks bauen – sowohl entlang der Küsten als auch im hügeligen Hinterland. Außerdem sollen weitere große Freiflächensolaranlagen entstehen. Bis 2025 soll die Onshore-Windkapazität – Offshore-Windkraft spielt in Griechenland bislang keine Rolle – auf 5,2 GW, die Solarkapazität auf 5,3 GW steigen, bis 2030 auf sieben bzw. 7,7 GW. Laut Schätzungen des NECP waren es zum Jahreswechsel noch 3,7 und 3,4. Der Anteil an der gesamten Stromproduktion lag bei 18 bzw. neun Prozent.

Andere Ansätze wie Biomasse oder Solarthermie stehen in den Plänen der Regierung hingegen auch künftig nicht im Fokus. Mittelfristig kann das Land sein gesamtes Potential aber nur ausschöpfen, wenn auch innovative Technologien zum Einsatz kommen: Agri-PV-Lösungen ermöglichen etwas eine Doppelnutzung von Flächen für Landwirtschaft und Stromerzeugung, schwimmende Solarmodule können auf Seen installiert werden und Windräder auf schwimmenden Fundamenten wären ideal für die steil abfallenden Küsten entlang vieler griechischer Inseln. Um die Energie zwischenzuspeichern, sollen große Batteriespeicher zum Einsatz kommen. Erst kürzlich kündigte die Regierung die Ausschreibung eines 700-MW-Projekts an.

Hohe Investitionen und attraktive Marktbedingungen

Ambitionierte Ziele, die laut Alexandra Sdoukou nur mit Investitionen in Höhe von mindestens neun Milliarden (Mrd.) Euro bis 2030 erreichbar sind. Die griechische Regierung plant bereits fünf Milliarden Euro für den Ausstieg aus der Kohle ein, unter anderem für Infrastrukturprojekte und um den betroffenen Regionen beim Wandel zu unter die Arme zu greifen. Unterstützung kommt vonseiten der EU: Bis 2026 wird die Europäische Kommission voraussichtlich 11,4 Mrd. Euro aus dem Recovery and Resilience Fund für den Ausbau der Erneuerbaren einsetzen.

Neben finanziellen Anreizen setzt die Politik auf den Abbau von bürokratischen Hürden und ändert dazu das Genehmigungsverfahren für den Bau neuer EE-Anlagen. Bisher vergingen oft Jahre, bis alle Genehmigungen vorlagen, viele Projekte scheiterten dadurch komplett. Das soll sich nun ändern: Für Betreiber soll es künftig deutlich einfacher sein, ihre Vorhaben umzusetzen.

Die günstigen Marktbedingungen rufen neben griechischen Energieversorger auch zahlreiche Unternehmen aus dem Ausland auf den Plan. So will sich das staatliche Versorgungsunternehmen Public Power Corporation (PPC) vom Kohlekraftwerksbetreiber zum Erneuerbaren-Player entwickeln. Unterstützung bekommt es dabei unter anderem vom deutschen RWE-Konzern: RWE Renewables hat zum Jahresbeginn eine Kooperationsvereinbarung mit PPC unterschrieben. Die Unternehmen wollen Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtkapazität von zwei GW bauen.

Dazu haben sie inzwischen ein Joint Venture gegründet, an dem RWE Renewables zu 51 Prozent und PPC Renewables zu 49 Prozent beteiligt ist. PPC Renewables wird neun Solarentwicklungsprojekte mit einer Gesamtleistung von bis zu 940 MW beisteuern, die in der nordgriechischen Region Westmakedonien auf dem Gelände des ehemaligen Braunkohletagebaus Amyntaio entstehen sollen. RWE Renewables hat sich eine Photovoltaik-Projektpipeline in Griechenland von ähnlicher Größe gesichert, um sie in das Joint Venture einzubringen. Die Projekte befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien: einige werden voraussichtlich bereits 2023 in Betrieb genommen, andere könnten 2025 folgen.

Kohlerevier wird Wasserstoffzentrum

Der Strukturwandel in Griechenland geht aber noch über den Neubau von Windrädern und Solaranlagen hinaus. Mit Technologien wie grünem Wasserstoff sollen neben der Stromversorgung auch weitere, emissionsintensive Bereiche dekarbonisiert werden. Wie dieser grundlegende Wandel aussehen kann, wird in der Region West-Makedonien besonders deutlich. Die Region mit 280.000 Einwohnern gehört zu den strukturell schwächeren. Hier befindet sich das größte Braunkohlerevier des Landes. Ein Fünftel der Wirtschaftsleistung und rund 10.000 Jobs hängen aktuell noch an der Branche.

Doch es gibt bereits Pläne für die Zeit nach dem Kohleausstieg. Wo heute noch die Bagger rollen, sollen schon bald Solarmodule und Elektrolyseure aufgebaut werden. Unter dem Namen „White Dragon“ soll eine komplette Wertschöpfungs- und Lieferkette für grünen Wasserstoff entstehen – von der nachhaltigen Solarstromerzeugung über ausreichende Produktions- und Speicherkapazitäten für den Brennstoff bis zur Transportinfrastruktur für die direkte Versorgung der Endverbraucher. Bis zu 320.000 Tonnen des Gases wollen die Planer künftig jährlich produzieren und damit 18.000 neue Jobs für die Region schaffen.

Vom Strukturwandel könnte aber nicht nur die Region West-Makedonien profitieren. Experten gehen davon aus, dass die Energiewende die gesamte Wirtschaft beflügeln wird und im einst krisengeplagten Land zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen werden. Obwohl die Corona-Krise dem Wirtschaftswachstum 2020 einen erneuten Dämpfer verpasst hat, prognostiziert die EU-Kommission so bereits für 2021 wieder ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,5 Prozent. Und die EE-Projekte tragen entscheidend zu diesen sonnigen Aussichten bei.

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